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Abschlussarbeit: Stell dir vor, die Stadt funktioniert

Event
Erfolge
Prof. Burkhard Fritz, Prof. Dr. Boris Alexander Kühnle, Gewinnerin Tabea Reifenschweiler und Prof. Tim Klinger (von links, Foto: HdM Stuttgart / Anton Schneider)

Stell dir vor, die Stadt funktioniert

Wie eine interaktive Ausstellung geschlechterspezifische Raumaneignung körperlich erfahrbar macht 

Der öffentliche Raum gilt formal als gleichberechtigt zugänglich. Straßen, Plätze, Verkehrsmittel und Sanitäranlagen stehen jeder Person offen. Diese formale Gleichheit verdeckt jedoch eine strukturelle Asymmetrie: Historisch ist Stadtplanung an einem bestimmten Körper ausgerichtet, dem männlichen. Er bestimmt, wie viel Platz eine Sitzbank bietet, wie lang eine Warteschlange wird und welcher Weg nachts sicher ist. Wer den Raum reibungslos nutzt, erkennt das eigene Privileg selten.

Genau hier setzt die Bachelorarbeit von Tabea Reifenschweiler im Studiengang Integriertes Produktdesign an der Hochschule der Medien Stuttgart an. Unter dem Titel „Gestaltung einer interaktiven Ausstellung zur körperlichen Erfahrbarkeit geschlechterspezifischer Raumaneignung" entwickelte sie die Ausstellung „Stell dir vor, die Stadt funktioniert". Ihre Leitfrage: 

Wie macht eine räumliche Inszenierung Reibungslosigkeit für die eine Gruppe und Barrieren für die andere erfahrbar?

Ein Abend in der Stadt, in fünf Stationen

Statt Statistiken zu zeigen, übersetzt die Ausstellung einen exemplarischen Abend in physische Situationen. Besucher:innen durchlaufen einzeln einen Parcours aus fünf Stationen, jede mit einer Reflexionsfrage, einem Situationstext und einer Handlungsaufforderung.

  • An Station 1 („Kommst du zu Wort?") klingelt ein umgebautes analoges Telefon. Wer den Hörer abnimmt, hört eine männliche Stimme, die Fragen stellt, aber keine Antwort zulässt und jeden Ansatz überspricht.
  • Station 2 („Fühlst du dich beobachtet?") arbeitet mit Augenpaaren, deren Pupillen den Bewegungen der Besucher:innen folgen; ein subtiles Pfeifen begleitet die Situation. Diese Augen tauchen an allen folgenden Stationen wieder auf.
  • An Station 3 („Hast du genug Platz?") beansprucht eine männliche Schaufensterpuppe zwei Drittel einer Bank, der Rest reicht kaum zum Sitzen.
  • Station 4 („Hast du Zeit zu warten?") stellt zwei Türen gegenüber: die Männertoilette offen, die Frauentoilette verschlossen, mit der aufgedruckten Anzeige „Aktuelle Wartezeit 50:00 Min".
  • Station 5 („Gehst du den kurzen oder den sicheren Weg?") ist ein Spiel auf einem Stadtplan, dessen Beleuchtung auf die Position der Spielfigur reagiert: Betritt man eine dunkle Gasse, blinkt das sonst rot beleuchtete Feld weiß auf, und die Wegzeit erhöht sich um fünf Minuten. Die kurzen Wege sind zudem so verengt, dass die Figur nicht hindurchpasst.
  • Erst die abschließende Auflösung liefert die wissenschaftliche Einordnung: fünf belegte Fakten, verortet auf einem Stadtplan des Stuttgarter Westens, ergänzt durch Flyer und eine Website als vertiefende Ebenen.

Design als Erkenntnismittel

Methodisch folgt die Arbeit dem Double-Diamond-Modell und dem Ansatz Research through Design. Das theoretische Fundament stützt sich auf vier Kernquellen: Caroline Criado-Perez (Gender Data Gap), Leslie Kern (Feminist City), Erving Goffman (Gender Displays) und Pierre Bourdieu (Habitus und Körperhexis). Ein strukturiertes Design-Testing mit sechs Proband:innen prüfte die Konzeption vor der finalen Umsetzung. Das Testing bestätigte die These der Arbeit: Selbst dort, wo der Raum keine Barriere setzt, wirkt das eingeübte Verhalten weiter. An der Toilettenstation stand die Tür zur Männertoilette offen, dennoch zögerten die weiblichen Probandinnen, während der männliche Proband sie ohne Zögern nutzte. Menschen verinnerlichen benachteiligende Normen unbewusst und bestätigen sie durch erlernte Körpersprache im Raum. Design erzeugt hier eine körperliche Irritation, die reine Information nicht auslösen kann. Die Ausstellung verändert keine gesellschaftlichen Strukturen, sie setzt einen Impuls für die Auseinandersetzung mit gerechter städtischer Planung.

Student's Choice Award MediaNight 2026

Mit dem Student's Choice Award zeichnen die Studierenden der Hochschule jedes Semester ein Projekt der MediaNight aus, das sie besonders überzeugt hat. Die Auszeichnung würdigt kreative, innovative oder gesellschaftlich relevante Arbeiten aus den Studiengängen der Hochschule. Dass die Wahl in diesem Semester auf „Stell dir vor, die Stadt funktioniert“ fiel, unterstreicht die Bedeutung von Projekten, die Design nutzen, um gesellschaftliche Themen sichtbar und erlebbar zu machen.

Das Projekt entstand als Abschlussarbeit im Studiengang Integriertes Produktdesign (IP7) an der HdM Stuttgart.

| Sommersemester 2026
| Social Design
| betreut von Prof. Tim Klinger & Prof. Ursula Drees